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Einfach Urlaub machen
5. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
In die Ferien fliegen: für viele Kinder in Sachsen nur ein Traum. Sie bleiben zu Hause, weil ihren Eltern das Geld fehlt.
Von Andreas Roth
Die Mutter tanzt. Mit wiegenden Schritten bewegt sie sich unter dem gotischen Gewölbe der Meißener Albrechtsburg zu Renaissance-Musik. Die kleine Frau mit den schwarzen Haaren sieht glücklich aus. Dabei hat Katrin Schütte (Namen aller Reiseteilnehmer geändert) gerade davon erzählt, dass sie schon lange keine Arbeit mehr hat, dass das Gehalt ihres Mannes gerade für das Nötigste reicht – für eine Ferienreise mit ihren drei Kindern jedoch reicht es nicht. Und doch machen sie jetzt gemeinsam Familienurlaub, das zweite Mal in ihrem Leben. Die acht Tage im Meißener Land hat der Kirchenbezirk Auerbach und dessen Diakonie für 20 Erwachsene und 25 Kinder, die allesamt von wenig Geld leben müssen, möglich gemacht.
»Wer hat denn das komponiert?«, fragt Katrin Schüttes Sohn Paul, als die Renaissance-Musik verklingt. Paul ist ein 16-Jähriger mit Basecap, weiten Hosen und einer freundlichen Ruhe, die von innen her kommt. Hat er etwas vermisst, wenn seine Klassenkameraden von ihren weiten Urlaubsreisen erzählten – während er schweigend zuhörte? »Eigentlich nicht«, sagt Paul. »Das passt so. Ich habe alles, was ich brauche.« Doch wenn er erzählt, wie er in diesen acht Julitagen in der Umgebung von Meißen mit den anderen Familien ein Wellenbad besuchte oder in einem Kletterwald auf Drahtseilen bis auf die höchsten Bäume kraxelte – dann leuchten auch Pauls Augen.
Schon der erste Urlaub in Pauls Leben vor zwei Jahren war ein Urlaub mit Karla Groschwitz. Die Sozialarbeiterin des Kirchenbezirks Auerbach bietet seit 2008 gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern jeden Sommer eine Freizeit für Eltern und Kinder mit wenig Einkommen an. Nur 50 Euro muss jede Familie für die acht Tage bezahlen. Die Gesamtkosten von 11 000 Euro übernehmen Staat, Kirche und Diakonie. Doch es bleibt ein Tropfen auf dem heißen Stein. Denn mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Sachsen leben nur von Sozialhilfe oder vom Arbeitslosengeld ihrer Eltern. Und es werden immer mehr.
Anna Nguyens Töchter schlittern in übergroßen Filzpantoffeln unter den strengen Blicken der sächsischen Markgrafen über das Parkett der Meißener Albrechtsburg. Hin und wieder halten sie inne und blicken staunend auf die Wandgemälde mit Fürsten und Prinzessinnen. »Ich habe den Druck gespürt, dass man mit den Kindern doch etwas in den Ferien unternehmen muss«, sagt die Mutter aus Auerbach, die von Hartz IV lebt. »Gäbe es nicht dieses Angebot der Kirche, hätten die Kinder keine Chance auf Urlaub.«
Zwar unterstützt der Freistaat Sachsen finanziell arme Familien mit einem Zuschuss von bis zu 7,50 Euro pro Person und Urlaubstag, mancher Landkreis legt noch etwas drauf. Doch das Geld gibt es erst nach der Reise – und viele betroffenen Eltern haben kein Geld zum Vorschießen. Deshalb unterstützt die sächsische Diakonie seit diesem Jahr die Spendenaktion »Kindern Urlaub schenken« der Dia konie Mitteldeutschland. Mit über 10 000 Euro konnten in diesem Sommer 17 Familienprojekte in Sachsen unterstützt werden, darunter die Freizeit des Kirchenbezirks Auerbach im Meißener Land.
»Gott hat uns viele Schätze geschenkt. Aber wenn die Grundbedürfnisse nicht gestillt sind, hat man keinen Blick dafür«, sagt die Kirchenbezirks-Sozialarbeiterin Karla Groschwitz. »Deshalb wollen wir die Eltern und ihre Kinder entlasten, denn sie sind von Gott geliebte Menschen.«
Anna Nguyen sitzt mit ihren Töchtern im Meißener Dom. Die Orgel braust und flötet. »Man muss nicht weit wegfahren, man kann auch am eigenen Ort etwas Schönes finden«, sagt Anna Nguyens elfjährige Tochter Valeria. Doch irgendwann – es ist ein Traum – will sie einmal nach Japan fliegen. Zum Kirschblütenfest.





























